Waldburg Capustigall

Die nachfolgenden Ausführungen gehen maßgeblich zurück auf das Buch von Hans Graf zu Dohna „Waldburg-Capustigall“, 2. Auflage 2009, erschienen im C. A. Starke Verlag, Limburg an der Lahn, ISBN 978-3-7980-0607-2

Von den Gutsgebäuden und vom Dorf in Waldburg steht kein Stein mehr auf dem anderen. Auch wenn kaum noch etwas zu sehen ist, haben wir den Bericht über Waldburg-Capustigall aufgenommen, weil er so hervorragend aus dem persönlichen Erleben dokumentiert ist und einen sehr geschlossenen Einblick in das Schicksal einer der bedeutenden Adelsfamilien in Ostpreußen gibt. Der Bericht soll auch dazu anregen, sich mit dem genannten Buch zu beschäftigen.

Die Geschichte von Capustigall geht bis ins 16. Jh. zurück. Erste Besitzer des Gutes waren die Herren von Lehndorff, die auf dem nahen Gut in Maulen saßen. Von 1637 bis 1700 wohnten hier die Herrn von Mühlheim, ursprünglich einer Königsberger Patrizierfamilie entstammend, danach die Familie von Kreytzen. Von Johann Albrecht Graf v. Kreytzen erwarb 1711 Friedrich Wilhelm von Chièze (1672 – 1740) die Herrschaft und ließ erstmals ein großes barockes Gutshaus errichten. Friedrich Wilhelm von Chièze war der Sohn von Philipp von Chièze (1629 – 1673) und seiner Frau Katharina (1650 – 1703), die beide eine große Bedeutung für die Herrschaft Rautenburg und den Bau des Kleinen und Großen Friedrichsgrabens im Kreis Elchniederung hatten (siehe dort). Friedrich Wilhelm hatte sich von seinem jüngeren Halbbruder Karl Ludwig Graf Truchseß zu Waldburg, der die Herrschaft Rautenburg von seiner Mutter erbte, mit 26.000 Talern auszahlen lassen und war somit für den Kauf des Landes und den Bau des Gutshauses offenbar recht liquide ausgestattet. Er lebte auf Capustigall mit seiner Frau Katharina Luise, geb. v. Tettau (1689 – 1736).

Die erbenden Kinder der beiden Halbbrüder Friedrich Wilhelm von Chièze und Karl Ludwig Graf Truchseß zu Waldburg gingen 1738 eine gemeinsame Ehe ein: Friedrich Ludwig I. Graf Truchseß zu Waldburg (1711 – 1777), der Rautenburg übernahm, heiratete Charlotte Sophie von Chièze (1720 – 1761), die Capustigall erbte. Somit waren beide Herrschaften vereint und das Ehepaar zog in das neue Schloss Capustigall ein. Friedrich Ludwig I. verkaufte 1744 den Besitz Rautenburg an seinen Schwager Johann Gebhard Graf von Keyserlingk (1699 – 1761), der mit der klugen und geselligen Charlotte Caroline Gräfin Truchseß zu Waldburg (gest. 1792), der Schwester von Friedrich Ludwig I., verheiratet war. Friedrich Ludwig II. Graf Truchseß zu Waldburg (1741 – 1810) und vermutlich auch die Brüder Karl (geb. 1745) und Otto (geb. 1747) wurden in Capustigall von Kant unterrichtet, der zu diesem Zweck mit dem Pferdewagen aus dem nahen Königsberg herbeigeholt wurde.[1] Unter Bezug darauf gab es bis 1945 im Schloss eine „Kant-Stube“. In der Zeit Friedrich Ludwigs II. wurde 1786 das nahe Gut Wesdehlen hinzugekauft.

Friedrich Ludwig III. (1776 – 1844) schlug die militärische Laufbahn ein, heiratete Prinzessin Maria Antonia von Hohenzollern-Hechingen (1781 – 1831), nahm in der napoleonischen Zeit Dienst in der mit Napoleon verbundenen bayrischen Armee, fand sich aber zu den Befreiungskriegen wieder auf der Seite Preußens ein. Nach der Abdankung Napoleons gehörte er bei dessen Fahrt ins Exil nach Elba zur alliierten Begleitmannschaft und hinterließ über diese Reise der Nachwelt einen Bericht, der ein interessantes Licht auf die Persönlichkeit des einstigen Kaisers warf. Nach den Befreiungskriegen war Friedrich Ludwig III. Gesandter an verschiedenen Höfen in Italien, so in Turin und Florenz, und den Niederlanden,

Eine der vier Töchter Friedrich Ludwigs III., Mathilde (1813 – 1858), erbte Capustigall. Sie heiratete am 6. 6. 1835 Richard Graf zu Dohna-Schlobitten (1807 – 1894) und damit gelangte der Besitz an die Familie zu Dohna. Zur Erinnerung an die im Aussterben begriffene Linie der Truchseß zu Waldburg in Ostpreußen erwirkte Gräfin Mathilde die Umbenennung der Begüterung von Capustigall in Waldburg. 1875 war die preußische Linie der Truchseß zu Waldburg dann im Mannesstamm erloschen. In dieser Zeit des Übergans an die Dohnas nach 1833 wurde das barocke Herrenhaus im italienischen Stil unter Mitwirkung italienischer Handwerker umgebaut und ein Mezzaningeschoss aufgesetzt. In Innern prunkte das neue Haus mit weißem Carraramarmor für die Treppe und die Fensterbänke. Es heißt, das ein für Russland bestimmtes Schiff im Frischen Haff strandete und neben einer Lieferung für Capustigall auch der für Peterhof versandte Marmor hier gelöscht werden musste. Er wurde von den Waldburgern zu günstigen Konditionen übernommen und beim Umbau verwendet.[2]

Beim Tod von Mathilde Gräfin zu Dohna erbten den Besitz Waldburg- Capustigall ihr Mann Richard, gefolgt von ihrem Sohn Eberhard I. Graf zu Dohna (1846 – 1905). Nach der Heirat von Eberhard I. zu Dohna mit Elisabeth Gräfin von Kanitz 1878 zog das Ehepaar in Waldburg ein. Vater Richard zu Dohna, der in Schlobitten wohnte, sorgte bei dieser Gelegenheit für eine Arrondierung des Besitzes um das benachbarte Gut Maulen mit Ludwigshof, dem Gasthaus „Zur Hoffnung“ und Teilen des unmittelbar am Haff gelegenen Heide-Maulen, um die Ertragsfähigkeit des Gutes Waldburg zu steigern. Eberhard I. ließ 1888 ein ziegelgedecktes hohes Walmdach aufsetzen und das italienische Aussehen durch ein Äußeres im Stil der Neorenaissance ersetzen. 1904 erhielt das Haus Strom, 1909 eine mit Koks betriebene Zentralheizung. Die Inneneinrichtung blieb von den Umbauten jedoch weitgehend unberührt. Auch Eberhard I. erweiterte den Besitz um angrenzende Flächen 1894 war Waldburg in ein Familien-Fideikommiß umgewandelt worden..

In der Erbfolge erschien nunmehr Eberhard II. Richard Graf zu Dohna (1875 – 1957), der 1907 Renata Gräfin v. Hochberg (1883 – 1948) heiratete, zu deren Familie ein in Ostpreußen weitgehend bekannter Architekt gehörte. Eberhard II. war der Vater von Hans Graf zu Dohna (geb. 1925), dem Autor des genannten Buches über Waldburg-Capustigall. Letzter Besitzer von Waldburg war Eberhard III. Bolko Graf zu Dohna (1908 – 1983), dem Eberhard II. die Verwaltung des Gutes in schwieriger Wirtschaftslage 1938 übertragen hatte.

Die Landwirtschaftsfläche der Herrschaft Waldburg betrug zuletzt 1.915 Hektar, davon 1.079 ha Ackerland, 349ha Wiesen, 392 ha Weiden und 69 ha Wald.. Die Wirtschaftsflächen teilten sich auf das Hauptgut und die Vorwerke Kolbnicken, Wesdehlen und Seepothen auf. Der Viehbestand setzte sich aus 835 Rindern, 312 Schafen, 307 Schweinen und 223 Pferden zusammen.[3] Das Land bestand teilweise aus schweren Böden und Überschwemmungsgebieten, aber auch gut zu bewirtschaftenden Äckern. Waldburg selbst verfügte nur über 375 Hektar, bestehend aus 75 Hektar Moorwiesen, 150 Hektar unter dem Pflug, 75 Hektar Wald und der Rest auf Dauerweiden. Der Wirtschaftsbetrieb in Waldburg mit Pferdeställen, Wagenremisen, Getreidespeicher, Scheunen etc. konzentrierte sich auf zwei aneinander grenzende Höfe unweit des Gutshauses. Neben 20 Arbeitspferden gab es 60 Kühe und 10 Ochsen. Im Dorf gab es vier Insthäuser mit14 Wohnungen von Bediensteten.

Im Gutshaus von Seepothen, das 1921 vom Architekten Friedrich Franz Graf von Hochberg (1875 – 1954) umgestaltet wurde, wohnte von 1922 – 1929 Heinrich Graf zu Dohna, während er die Waldburger Ländereien für seinen Bruder Eberhard zu Dohna (1875 – 1957) verwaltete. Heinrich Grad zu Dohna wurde als Widerständler gegen Hitler 1944 hingerichtet (dazu siehe Tolksdorf im Kreis Rastenburg). Letzter deutscher Besitzer war Eberhard Bolko zu Dohna-Schlobitten (1908 – 1983). In Seepothen wirtschaftete nach dem Krieg eine Kolchose. Das Haus wurde nach dem 2. Weltkrieg abgerissen, auf den Grundmauern später ein zweistöckiges Haus errichtet, das aber wohl nicht über den Rohbau hinaus kam.[4]

Gut Maulen wurde 1877 von Richard zu Dohna-Schlobitten (1807 – 1894) gekauft und wurde zeitweise von Mitgliedern der Familie bewohnt. Nach dem Verkauf 1928 an die Ostpreußische Siedlungsgenossenschaft besaß es Victor Adalbert zu Dohna-Schlobitten bis 1936, als er sich in Grünwalde in Masuren einkaufte. Das Gutshaus steht nicht mehr.[5]

Nach heftigen Kämpfen zwischen den deutschen Truppen und der Roten Armee ab Ende Januar, bei der Waldburg wechselseitig besetzt wurde, eroberten die Russen das Gut endgültig am 6. Februar 1945. Von Waldburg blieb nur ein Trümmerfeld. Der Treck der Seepother wurde unweit von Waldburg von den Russen überrollt, die Leute zurückgeschickt, einige von Ihnen wurden erschossen oder grauenvoll ermordet, die Frauen vergewaltigt. Einige begingen Selbstmord, andere verhungerten. Eberhard III. zu Dohna hat eine Liste der Personenverluste der Begüterung Waldburg aufgestellt, die 66 Tote, 46 Verschleppte und Vermisste sowie 8 Gefallene aufführt.[6] Die gräfliche Familie entkam den Schrecken der Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee und fand nach dem Krieg eine Bleibe in der Nähe von Lüneburg.

Die in den Westen gelangten jungen Grafen zu Dohna nutzten das Geld aus dem Lastenausgleich im beginnenden Wirtschaftswunderland als Basis zur Gründung neuer Existenzen, indem sie in verschiedenen Orten der Bundesrepublik Betriebe der Chemischen Reinigung nach amerikanischem Vorbild einrichteten, vornehmlich im Südwesten und Westen, beginnend mit der „Dohna, chem.-Reinigung KG“ in Kaiserlautern. Es entstanden im Laufe der Nachkriegsjahre eine ganze Reihe von Betrieben dieser Art. Jeder Familienzweig agierte dabei für sich allein, aber alle koordinierten ihre unternehmerischen Entscheidungen und betrieben eine gemeinsame Werbung unter dem Namen Dohna. Das hat ganz offensichtlich gut funktioniert und ist ein Bespiel dafür, wie ostpreußischer Unternehmergeist die deutsche Marktwirtschaft bereichert hat.

 

[1] Hans Graf zu Dohna, Waldburg-Capustigall, S. 71
[2] Lothar Graf zu Dohna, Die Dohnas und ihre Häuser II, S. 788
[3] Hans Graf zu Dohna, Unbeschwerte Zeit, Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen, 2015, S. 36
[4] Lothar Graf zu Dohna, Die Dohnas und ihre Häuser II, S. 808/809
[5] Lothar Graf zu Dohna, Die Dohnas und ihre Häuser II, S. 806
[6] Hans Graf zu Dohna, Waldburg-Capustigall, S. 138