Sie wussten stets, wer sie waren

Lothar Graf zu Dohna: Die Dohnas und ihre Häuser
FAZ – 22.05.2013, von Werner Paravicini

Herkommen, Kontinuität, Gedächtnis: Die Geschichte der Familie Dohna zeigt die Dimensionen, in denen sich der europäische Hochadel bewegte – auch nach zwei Vertreibungen.

Vom Jahre 1945 schweigt dieses Buch fast ganz, und doch ist das, was damals geschah, der eigentliche Grund, weshalb es geschrieben wurde. Die Dohnas waren eine gänzlich ostpreußische Familie geworden, eine der ersten in der entlegenen Provinz, neben den Dönhoffs auf Friedrichstein, den Lehndorffs auf Steinort und den Eulenburgs. Nun mussten sie fliehen und verloren all ihre Güter: Schlodien, Lauck, Reichertswalde, Carwinden, das großartige Finckenstein, das prächtige Schlobitten. Die Wende von 1990 änderte daran nichts.

Aus dieser Wunde entstand ein Buch disziplinierter Erinnerung, das weder wehleidig noch revanchistisch, weder ruhmredig noch schüchtern ist. Vor allem: Der Autor ist kein Laie, sondern Fachhistoriker (des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts), dem nun, im hohen Alter von fast neunzig Jahren, die Genugtuung zuteil wird, die Frucht jahrzehntelangen Sammelns in der Hand zu halten. Eine von Wehmut durchwehte Schilderung unwiederbringlich vergangener Lebensumstände und Daseinsweisen hatte Alexander Fürst zu Dohna (1899 bis 1997) im Jahr 1989 mit den „Erinnerungen eines alten Ostpreußen“ vorgelegt.

Dem Historiker ein Schatz

Die zweibändige Ausgabe wurde in Zusammenarbeit mit dem Johann-Gottfried-Herder-Institut in Marburg geplant und sollte dort veröffentlicht werden. Davon wollte man schließlich nichts mehr wissen. Zu viel deutsches Ostpreußen, zu viel deutsches Schlesien? Zu wenig Theorie? Dagegen: welch Reichtum für die Kunsthistoriker, welch dem Historiker gereichter Schatz der Forschung und Erinnerung. Die Fehlentscheidung kommt nun dem Werk zugute, da es bei Wallstein erscheint – als eine Gesamtgeschichte des Hauses, hinreichend detailliert, um der überaus lebendigen Adelsforschung nützlich zu sein, derart geordnet und geschrieben, dass man es vergnüglich lesen kann: „So bewahrt und bewohnt man auch weiterhin das mittlerweile Unzeitgemäße“, oder: „Bei den Dohnas gibt es keine Heroinen, keine als Hexen Verurteilte und keine Geliebten von Königen“ (wie etwa bei den Dönhoffs).

Die Zäsur von 1945 ist an Schärfe und Bedeutung mit einer viel früheren, nicht weniger radikalen von 1402/1408 zu vergleichen. Die seit 1127/1144 bezeugte Familie war ursprünglich in Sachsen zu Hause und befand sich über die reichsunmittelbare Würde eines Burggrafen von Dohna (ehemals Donin) bei Dresden auf dem Wege zu eigener Landesherrschaft. Dazu gehörten die Stadt Pirna, der herrliche Weesenstein und der Königsstein, die Krone Sachsens.

Friedensschluss im Ersten Weltkrieg

Wie die Burggrafen von Nürnberg aus dem Hause Hohenzollern hätten auch die Dohnas wahre Fürsten werden können. Am Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts aber warf sie der Markgraf von Meißen aus ihren Burgen und Herrschaften und vertrieb sie nach Böhmen, Schlesien, die Lausitzen, ins Vogtland, in die Grafschaft Glatz. Dort überlebten Familienzweige bis ins achtzehnte Jahrhundert und ließen ihre Grabsteine zuweilen in tschechischer Sprache beschriften. Der Weg zu souveräner Herrschaft aber war ihnen für immer versperrt. So wurden sie 1900 lediglich Titularfürsten, von Kaiser Wilhelms II. Gnaden, der mit dem Grafen Richard Dohna-Schlobitten befreundet war. Der neue Fürst sei „der erste Parvenu in der Familie“, hieß es damals in der Familie, die seit 1648 Grafenrang besaß und nie ihr Wappen (zwei gekreuzte Hirschstangen) „gebessert“ hat: Die Dohnas wussten stets, wer sie waren, hoher Adel nämlich, und es gelang ihnen, diesen ihren Rang auch in widrigen Zeiten zu bewahren.

Die Erinnerung an den Rechtsbruch von 1402/1408 blieb jedoch beiderseits lebendig. Erschien ein Dohna in Dresden, musste er dem Hofe polizeilich gemeldet werden. Als König Friedrich August von Sachsen im Ersten Weltkrieg sächsische Truppen an der Front besuchte, begegnete er dem General Alfred Dohna-Schlobitten. Da habe er gesagt: „Wir stehen jetzt gemeinsam im Kampf gegen einen äußeren Feind, so wollen wir endlich die über fünfhundertjährige innere Fehde mit einem Friedensschluss beenden“ – und verlieh ihm einen sächsischen Orden. So erzählte es dem Autor im Jahre 1953 Friedrich Christian Markgraf von Meißen, der 1968 verstorbene Sohn des Königs, der damals dabei gewesen war.

In ganz Europa nachweisbar

Nach Ostpreußen kamen die Dohnas auf wenig spektakuläre Weise: Der schlesische Söldnerführer Graf Stanislas diente seit 1454 dem Deutschen Orden gegen die aufständischen Städte des Landes, erhielt statt Geld ein Dorf, ließ sich im Lande nieder und wurde Stammvater des allein überlebenden Zweiges. Die Dohnas haben im Herzogtum, dann Königreich Preußen eine bedeutende Rolle gespielt, besonders im sechzehnten Jahrhundert und um 1800. Mit den Nassau-Oranien, den Limburg-Bronckhorst und Brederode verschwägert, ließen sie sich von Jan Mijtens und den Honthorsts porträtieren. Sie wirkten in Brandenburg, Dänemark (wo ein Grabmal in Odense von ihnen zeugt), Polen, Schweden, in der Pfalz, im Waadtland unweit Genf und Bern (Coppet gehörte zeitweilig ihnen, bevor es, neu errichtet, unter Madame de Staël zum Treffpunkt der europäischen Elite wurde).

Nach Frankreich eilten sie den bedrängten Protestanten zu Hilfe, wurden Statthalter in Orange oder brandenburgischer Gesandter in Paris. In Italien erinnern Grabsteine in S. Romano zu Lucca und S. Antonio zu Padua an Söhne der Familie: Der eine war mit Kaiser Karl IV. über die Alpen gezogen, der andere starb zweieinhalb Jahrhunderte später auf Kavalierstour im Alter von nicht einmal zwanzig Jahren.

Gedächtnis wird zu Geschichte

Das vorliegende Werk präsentiert sich geradezu als Familienunternehmung: Der Vetter Alexander, der letzte Herr von Schlobitten, hat großen Anteil an der Vorstellung der „Häuser“ der Familie, die im zweiten Band beschrieben werden, so wie sie einmal waren und wie sie heute sind: teils restauriert, zumeist verschwunden. Die Schwester Ursula steuerte einen Beitrag über Parks und Gärten bei, für die das Gleiche gilt. Lothar Dohna schrieb den ausführlichen chronologischen Teil. Die Abbildungen zeigen nicht nur Zerstörtes oder Verschollenes. Aus Schlobitten gerettet wurde der Familie eine von Melanchthon gewidmete Bibel oder Protokolle des pietistisch-herrenhuterisch inspirierten „Schild-Ordens“. Anderes blieb in Ostpreußen und schmückt die Archive und Museen in Allenstein (Olsztyn) und Mohrungen (Morag). Oder es kam nach Berlin ins Geheime Staatsarchiv preußischer Kulturbesitz oder gehört jetzt der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und wird im ehemals Dohnaschen Schloss Schönhausen ausgestellt.

Weshalb dieses Buch? Festhalten, was untergegangen ist und vergessen zu werden droht, jetzt, da die Letzten, die die alte Zeit noch gekannt haben, dahingehen. Zeigen, welche kulturellen Leistungen ein solches Haus vorzuweisen hat. Dokumentieren, in welch europäischen Dimensionen der hohe Adel sich bewegte. Natürlich dient dies alles bewusst und unbewusst der Rechtfertigung einer vergangenen Existenz. Aber solche Anliegen sind legitim, die Gefühle sind sehr zurückgenommen, Ansprüche werden nicht erhoben. Während in den neuen Bundesländern der Adel seine Güter oft zurückkaufen kann und seine Schlösser restaurieren, ist dies dem ostpreußischen versagt. Adel ist Herkommen, Kontinuität, Gedächtnis. Wenn ein Historiker sich darüberbeugt, wird daraus Geschichte.

Die Gegenwart entdeckt, dass die politisch entmachtete Aristokratie nach wie vor eine soziale Elite darstellt, die durch die Erinnerung an die ehemaligen Ostgebiete in der Öffentlichkeit besonders präsent ist („mediale Erinnerungsgruppe“ hat man das genannt). Dabei geht es nicht nur um das Bild der allgegenwärtigen Veruschka von Lehndorff, sondern mehr noch um Marion Gräfin Dönhoff, deren immenser Nachlass gerade von einer deutsch-britischen Forschergruppe ausgewertet wird.

Rückhaltlos wird über die Anhänger des Nationalsozialismus in der Familie berichtet, die es insbesondere im Zweig Reichertswalde gab, wo das Hitler-Porträt im Treppenhaus hing. Zeitweilig gehörten auch Herrmann auf Finckenstein und Fürst Alexander zu den Anhängern. Doch grenzt sich der Autor behutsam von Stephan Malinowskis summarischer Adelsschelte ab („Vom König zum Führer“, 2003). Gewidmet ist das Werk seinem Vater, Heinrich Graf zu Dohna-Schlobitten, der 1944 seines Widerstandes gegen Hitler wegen in Plötzensee hingerichtet wurde.