Ein unabhängiger Geist, der Hitler früh misstraute

Die Gründe für Heinrich Graf zu Dohnas Widerstand gegen Hitler waren persönlicher Natur: Er war ebenso unabhängig wie urteilsstark. Vor Gericht gab er sogar mehr zu, als er musste. – von Antje Vollmer erschienen am 17.07.12 in der Welt

Eines der häufigsten Vorurteile über die Mitverschworenen des 20. Juli lautet, sie seien doch früher selbst begeisterte Nazis und erst zum Widerstand bereit gewesen, als der Krieg bereits für alle sichtbar verloren war.

Auf Heinrich Graf zu Dohna jedenfalls trifft das nicht zu. Zusammen mit seiner Frau Maria-Agnes gehörte er von Anfang an zu den Gegnern Hitlers. Deswegen hat er auch schon früh – das war allerdings eine Besonderheit im Kreis der Widerstandsfamilien – das Urteil seiner vier Kinder geschärft, die sich jederzeit darüber im Klaren waren, was ihre Eltern über die politischen Ereignisse der Zeit dachten. „Sie wollten vermeiden, dass die Kinder womöglich auf ,deutsch-christliche‘ oder nationalsozialistische Einflüsse hereinfielen, und hielten es daher für unumgänglich, sie voll in ihre eigenen Gedankengänge hineinzuziehen“, wird der Sohn Lothar später einmal schreiben.

Der Stolz darüber, dass der Vater sie immer wie Erwachsene ernst nahm, sie bei den Tischgesprächen zuhören ließ, wenn Carl Goerdeler oder andere Mitverschworene zu Besuch kamen, sie über die politische Einschätzung der Gäste im Haus informierte, hat ihnen dann sehr geholfen in jenen Tagen, als sie selbst mit der Gestapo zu tun hatten. Er prägt bis heute ihre Erinnerung an den Vater, der am 14. September 1944 in Plötzensee hingerichtet wurde, und an die Mutter, die erst die Sippenhaft und dann als Häftling Nummer 84.485 das KZ Ravensbrück überlebte.

Ursula Gräfin zu Dohna war 21, ihr Bruder Lothar 20 Jahre alt, als um die Mittagszeit des 21. Juli 1944 die Eltern und der zufällig auf Genesungsurlaub anwesende jüngste Sohn der Familie, der 17-jährige Fabian, auf dem Gut in Tolksdorf verhaftet wurden. Der Name Heinrich Graf zu Dohna stand an erster Stelle auf der Liste des „Walküre“-Befehls, er war als Politischer Verantwortlicher für den Wehrkreis I vorgesehen – vergleichbar einem Regierungspräsidenten für Ostpreußen und damit für das Gebiet, in dem sich Hitlers Hauptquartier „Wolfschanze“, die Oberkommandos des Heeres (OKH) und der Wehrmacht (OKW) sowie Stabsstellen der SS befanden, hätte auf ihm eine enorme Verantwortung gelastet.

„Zu Hause fand ich das Nest leer“

Serie: „Stauffenbergs Gefährten“
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Ursula war am 20. Juli in Königsberg. Bei einer Bekannten der Familie, selbst einer NS-Gegnerin, hatte sie die Nachricht vom Attentat und seinem Scheitern gehört. Sie war schon mit unruhigen Gedanken zurückgefahren. „Als ich nach Hause kam, fand ich das Nest leer, musste aber noch fünf Tage warten, bis zwei Kommissare zur Hausdurchsuchung kamen.“ Merkwürdig souverän und unerschüttert übernahm sie die Rolle der Verantwortlichen, beruhigte die Angestellten, versorgte die Tiere, gab Anweisungen für den täglichen Arbeitsablauf.

Die junge Frau erschien der Gestapo für die Aufklärung des Attentats als unergiebig. Erst am 9. August kam auch sie ins Gefängnis von Königsberg und teilte dort die Zelle mit Sissi Dönhoff, der Schwester von Heinrich Graf Lehndorff, der neben Dohna als militärischer Verbindungsoffizier Stauffenbergs für den Wehrkreis I auf der Liste stand und nach seinem ersten Fluchtversuch ebenfalls in Königsberg einsaß. Beide Familien waren miteinander verwandt, ihre Güter lagen jeweils nur wenige Kilometer von der „Wolfsschanze“ entfernt.

Lothar erfuhr durch Verwandte von alledem.

Er selbst war an der Front und dann mehrfach im Lazarett. Von General Ernst Maisel, Chef der politischen Abteilung des Heerespersonalamtes, wurde der junge Offizier im Januar 1945 in Lübben/Spreewald vorgeladen. Die Forderung an ihn lautete, er habe das Urteil über seinen Vater als „gerecht“ anzuerkennen, ansonsten müsse er sich zum Einsatz an der Front melden, um mit seinem Tod „den Ehrenschild der Familie wieder reinzuwaschen“. Bis heute erinnert sich Lothar an das kalte Gefühl, das ihn überkam: „Dieser General erniedrigt sich zum Dienstleister der Nazis!“

Ungebrochener Überlebenswillen

Da er noch verwundet war, entging er zunächst dem Strafbataillon. Kurze Zeit später gelang es ihm sogar, bei der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße nach dem Verbleib seiner Mutter zu forschen. Er erhielt lediglich die förmliche Antwort, dass sie „wegen staatsfeindlichen Verhaltens“ festgenommen worden und die Möglichkeit zur Entlassung nicht gegeben sei. Trotz dieser Auskunft gelang es Lothar und auch seiner Schwester Ursula auf abenteuerliche Weise, ihre Mutter im KZ zu sprechen. Beide haben dabei den Tod des Vaters nicht erwähnt. Sie sollte in ihrem Überlebenswillen ungebrochen bleiben.

Sucht man nach den Gründen für die frühe Gegnerschaft dieser Familie zu Hitler und dem NS-Regime, so findet sich eine ganze Reihe von biografischen Begründungssträngen – aber ausschlaggebend ist wohl doch eine Persönlichkeitsstruktur des Vaters, die schon ganz früh zutage trat: geistige Unabhängigkeit, Fähigkeit zum nüchternen Urteil, eine hohe Bereitschaft, sich vom Gemeinwesen in die Pflicht nehmen zu lassen – und persönliche Bescheidenheit.

Als jüngerer Sohn einer alten europäischen Adelsfamilie war Heinrich Dohna für den Offiziersberuf vorgesehen, wollte aber nicht ins elitäre 1. Garde-Regiment, „weil da doch die Prinzen den Ton angeben“.

Er trat stattdessen 1901 bei den Leibhusaren in Danzig ein. Im Ersten Weltkrieg wurde er bald in den Generalstab berufen, 1916/17 in die Operationsabteilung des Großen Generalstabs unter Hindenburg. Dessen Generalquartiermeister Ludendorff, der 1923 beim Hitlerputsch eine führende Rolle spielen sollte, empfand er als „militärisch hochbegabt, aber persönlich ein äußerst fragwürdiger Charakter, überheblich und maßlos“, so erklärte er später seinen Kindern. Nach dem Krieg gehörte er zu den „Anti-Ludendorffianern“.

Die Nazis waren den Dohnas suspekt

Nach seiner Heirat 1920 mit Maria-Agnes von Borcke – „der oder keiner“, soll sich die selbstbewusste junge Dame früh festgelegt haben – wechselte er in den Zivilberuf, wurde Landwirt und übernahm die Verwaltung des Gutes Tolksdorf, das seine Frau erbte.

Das Aufkommen der Nationalsozialisten war beiden Dohnas von Anfang an suspekt. „Schon im Jahre 1930 haben wir Bekannte gewarnt, die für unseren Geschmack viel zu leichtsinnig waren und den Hitler zu harmlos beurteilten“, schreibt die Witwe Maria-Agnes 1983.

„Am 30. Januar 1933 hielten wir uns gerade in Berlin auf und waren ein paar Tage später bei einem Freund meines Mannes zum Essen eingeladen. Dort führte mich der General Blomberg. Er war gerade Minister geworden unter Hitler, und da fragte ich ihn: ,Wie können Sie bloß in dieser Regierung Minister werden?‘ Worauf er betonte, er fände die Regierung gut. Hitler würde es schon sehr gut machen. Da habe ich dann schließlich bloß noch gesagt: ,Wenn diese Naziregierung bleibt oder eine neue Naziregierung kommt, dann gibt es in fünf Jahren Krieg.‘ Die Generäle haben aber natürlich auf Frauen nicht gehört!“

Die entscheidende Vorprägung für das spätere Engagement Dohnas aber erfolgte in der Zeit des Kirchenkampfes in Ostpreußen, für die auch der Begriff „Widerstand“ überliefert ist. „Dass er zu den Männern des 20. Juli gehörte, lag in der Linie seines Lebens. Er wusste sich dahin gestellt von demselben Herrn, der ihn zum Zeugnis der Bekennenden Kirche gerufen hatte. Beides war e i n Weg in seinem Leben. Beides ein vor den Menschen verlorener Weg“, schrieb im protestantischen Sprachgebrauch und Predigerton seiner Zeit der Theologe Hans-Joachim Iwand.

Er hatte nicht nur als Dozent der Bekennenden Kirche, der lange in der Illegalität lehrte, Grund zu persönlicher Dankbarkeit. Dohna wurde zu einem Fels in den heftigen innerkirchlichen Auseinandersetzungen. In Ostpreußen hatten die Nationalsozialisten zum ersten Mal das Führerprinzip auch auf die Kirche übertragen und einen ihnen genehmen Bischof der NS-affinen, offen antisemitischen Deutschen Christen installiert. Als Reaktion kam es zur Gründung einer eigenen Kirchenliste „Evangelium und Gemeinde“, bald darauf zum „Ostpreußischen Bruderrat“, dem Dohna als Laie angehörte. Erhalten ist vom November 1934 ein Flugblatt von ihm, das er an seinen großen Bekanntenkreis verschickte, um für die Mitgliedschaft in der „Gemeinde unter dem Evangelium“ zu werben und darum zu bitten, für die eigenen Pfarrer zu spenden, die „im schweren Kampf für unsere Kirche und unser Bekenntnis“ stünden.

Hausdurchuchung in Tolksdorf

„Wir müssen uns hinter sie stellen. Es ist genug, wenn sie bereit sind, ihre Stellung und ihr Amt zu opfern.“ Es verwundert kaum, dass es bereits 1933 in Tolksdorf eine Hausdurchsuchung gab. Einschüchternde Wirkung hat sie offensichtlich nicht gehabt. Die Dohnas luden sogar zu einem Vortrag von Iwand ein.

Wie dicht an dem Kern seines christlichen und politischen Engagements dies alles war, lässt sich am besten in der Ansprache vom März 1935 zur Konfirmation seines ältesten Sohnes Carl Albrecht von Dohna (geboren 1921, gefallen 1941) nachvollziehen. Hier ist deutlich, wie sehr ein Vater seine Kinder auf eine Zeit harter Kämpfe und schwerer Anfechtungen vorzubereiten versucht. „Eltern sehen an einem solchen Tag voller Hoffnung auf den Lebenspfad, den ihr Kind schreiten soll, aber auch voller Sorge. … Viele Kinder und Jugendliche, die heute noch ohne Urteil sind, werden hinübergezogen in das Neuheidentum. Da heißt es dann: Das Christentum sei undeutsch, es mache untüchtig im Kampf, es verweichliche, Blut und Rasse stünden höher. … Als Religion müssen wir beides ablehnen. Über beidem steht ein Schöpferwille, der sie schuf. Der Kampf für den Glauben ist Tradition in unserer Familie. Mag nun Gott dich rüsten, dass auch du ein Streiter wirst.“

Zu den Bekannten Dohnas gehörte Carl Goerdeler. Als der entschlossene Gegner Hitlers ihn 1938 in Tolksdorf besuchte, ging es schon um ein besonderes Anliegen. Er sprach Dohna auf Pläne an, Hitler abzusetzen, in einem Hochverratsprozess anzuklagen und eine Übergangsregierung zu bilden, um die drohenden Kriegsvorbereitungen zu unterbinden. Dohna sollte sich für die Verwaltung in Ostpreußen zur Verfügung stellen. Er sagte zu. Die sehr weit gediehenen Pläne wurden abgeblasen, als Hitler mit dem Münchner Abkommen zur Annexion des Sudentenlandes einen beispiellosen innen- und außenpolitischen Triumph feierte.

Im Krieg wurde Dohna als Chef des stellvertretenden Generalkommandos in Königsberg reaktiviert. Die Spannungen zwischen seinen Pflichten als führender Militär und Befehlen, die er bekam, müssen unerträglich gewesen sein. So verhinderte er die Durchführung des Befehls, einen polnischen Gutsbesitzer mit seiner Familie wegen Waffenbesitzes erschießen zu lassen. Man übertrug ihm die Untersuchung, und Dohna ermittelte, dass die SS selbst die Waffen im Gutspark vergraben hatte. Nach dieser Beweisführung wurde der Erschießungsbefehl zurückgezogen.

Politische Gründe für Ablösung als Korpschef

Der Konflikt mit den NS-Generälen, besonders mit Bodewin Keitel, Bruder von Hitlers Feldmarschall Wilhelm Keitel, führte 1943 zur Demission Dohnas. Anlass war der Streit darüber, die in Danzig lebenden Polen zur deutschen Wehrmacht zwangszurekrutieren. „Die Gründe für seine Ablösung als Korpschef waren politische“, schrieb Generaloberst Franz Halder, der Dohna aus der Zeit der Umsturzpläne von 1938 kannte.

Während der Abwesenheit ihres Mannes hatte die Gräfin oft Mitglieder des Widerstandskreises bei sich zu Gast. Als seit 1940/41 alle militärischen Stabsstellen sich in unmittelbarer Nähe des Gutes befanden, gab es diese Treffen immer häufiger. Besonders oft kam der Nachrichtenchef des Heeres, Erich Fellgiebel, vorbei, ein enger Freund ihres Mannes. Vorwand war ein Pferd, das die Tochter Ursula für ihn zureiten sollte, was sie mit großem Engagement tat, ahnte sie doch, dass es eigentlich um ein Alibi für Treffen und Absprachen ging.

Aufgrund seiner vielen Verbindungen gehörte Dohna zu den Hitler-Gegnern, die Kontakte zu den unterschiedlichsten Widerstandskreisen hatten: zum militärischen, zum politisch-konservativen um Goerdeler, zum christlichen der Bekennenden Kirche um Niemöller sowie Bonhoeffer und auch zum eher liberalen sogenannten Kreisauer Kreis, der sich um Peter Yorck von Wartenburg und Helmuth James von Moltke gebildet hatte. Es war deswegen auch leicht verständlich, dass sich bei der Suche nach möglichen Kandidaten für eine Machtübernahme unmittelbar nach gelungenem Staatsstreich viele schnell darauf verständigen konnten, Dohna zu bitten, dann übergangsweise als Oberpräsident Ostpreußens zur Verfügung zu stehen. Man brauchte ja Menschen, deren Autorität außer jedem Zweifel stand und die auch von der unentschlossenen Bevölkerung sofort anerkannt werden würden. So risikoreich es war, dafür den eigenen guten Namen herzugeben, persönlichen Vorteil konnte man sich davon keinesfalls versprechen, denn diese Aufgabe sollte ja nur so lange übernommen werden, bis in Deutschland wieder geordnete Verhältnisse herrschten und eine legale Regierung im Amt wäre.

Angefragt wurde Dohna von Yorck von Wartenburg sowie von Lehndorff, so jedenfalls wird es im Freisler-Prozess vom 14. September 1944 heißen – seine Zusage übermittelte dann aber eine junge Verwandte, Marion Dönhoff, die gelegentlich solche Kurierdienste übernahm, da Frauen als Mitwisser nicht im Blickfeld der Gestapo waren. Bezeugt ist dieser Vorgang zugleich von Dohnas Frau und der Tochter, die mitbekamen, wie der Vater – nachdem er lange mit Marion Dönhoff allein im Zimmer gesprochen hatte – auf die Frage der Mutter „Hast du jetzt zugesagt?“ mit einem kurzen „Ja“ antwortete.

Ein ernster Angeklagter

Am 20. Juli selbst konnte Dohna nicht so rechtzeitig informiert werden wie sein Nachbar Lehndorff, der sich früh auf den Weg zu seinem Einsatzort in Königsberg aufmachte. Dohna erfuhr erst auf der Rückkehr von einem Abendessen vom missglückten Attentat. Für die erste rein militärische Phase des Umsturzes wurde er noch nicht gebraucht.

Nach seiner Verhaftung am Mittag des 21. Juli kamen Dohna, seine Frau und sein jüngster Sohn zunächst ins Gefängnis in Königsberg. Als der ganze Umfang des Staatsstreichs allmählich klar wurde, wurde Dohna zusammen mit Lehndorff am 8. August nach Berlin überstellt. Als sie mit dem Gestapo-Wagen vor dem Prinz-Albrecht-Palais ankamen, gelang Lehndorff auf unfassbare Weise zum zweiten Mal die Flucht. Dohna wurde verhört, bekannte sich zu seiner Beteiligung, nannte, auch vor Gericht, nur Namen von Mitverschworenen, die bereits hingerichtet waren – darin war das Kassiber-System innerhalb des Gefängnisses erfahren. Fotos vom Prozess zeigen den Angeklagten in ernster, nachdenklicher, sehr aufrechter Haltung.

Sein Pflichtverteidiger referierte: „Er hat alles zugegeben, er hat nichts beschönigt, er hat sogar teilweise mehr zugegeben, als es zu seiner Belastung ausgereicht hätte.“ Er habe aber nicht mit der Ermordung des Führers gerechnet. Statt sich für eine milde Strafe einzusetzen, bat der Anwalt für den Angeklagten um ein Urteil, „das der Sachlage gerecht wird“. Heinrich Graf zu Dohna wurde zum Tod durch den Strang, Verlust seines Vermögens und Aberkennung seiner Ehrenrechte verurteilt. Nach dem Krieg schickte der Anwalt der Witwe, die nach der KZ-Haft erst im Oktober 1945 als Flüchtling zu ihren Kindern nach Westdeutschland zurückkehren konnte, eine Rechnung für seine Bemühungen.